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KNA

KNA vom Donnerstag, 16.06.2005

"Wir sind keine Aliens"
Psychisch Kranke sprechen mit Schülern über seelische Probleme

Leverkusen (KNA) Eine gewisse Spannung liegt in der Luft. Der Leistungskurs Pädagogik erwartet Besuch. Lästige Lehrproben-Bewerter - die ließen sich noch einschätzen. Aber die beiden Männer und die Frau, die draußen am Pavillon-Eingang noch schnell eine Zigarette rauchen? Die Tische im Klassenraum, an dem sie schließlich Platz nehmen, hat die Lehrerin zu einer Runde gruppiert. Es soll ja ein Gespräch zwischen den neun Schülern der Jahrgangsstufe zwölf und den drei Gästen entstehen.

Doch zunächst einmal reden nur Arno, Frank und Monika. Sie sind psychisch krank. Was sie zu erzählen haben, macht die Schüler des Leverkusener Freiherr-vom-Stein-Gymnasium sprachlos - weil es so viel ist, so beeindruckend und manches auch bedrückend. Im Rahmen des bundesweiten Schulprojekts "Verrückt? Na und!" besuchen sie Klassen, um als "Experten in eigener Sache" über Psychosen, Ängste, Depressionen oder Schizophrenie aufzuklären und Vorurteile abzubauen.

Dabei müssen die drei zunächst selbst allen Mut zusammen nehmen. Wenn's zu schlimm würde, dann soll wie im Sport das T-Handzeichen für ein "Time-Out" sorgen. Doch niemand denkt an ein Break, nachdem Arno sich einmal warm geredet hat, über seine Frau spricht, die beiden Töchter, das Haus im Grünen, die Arbeit bei der Telekom, seine beiden Nebenjobs, das Engagement im Karnevals- und Schützenverein - und über jenen Tag vor sieben Jahren, an dem er von einen auf den anderen Moment krank wurde.

"Ich hatte plötzlich unheimliche Ängste, dass das Haus abbrennt oder dass ich den Kindern was antun könnte", beschreibt der 45-Jährige, was bei seiner ersten Psychose in ihm vorging. Gebannt verfolgen die Schüler, wie Arno offen über seinen beruflichen und familiären Absturz spricht. Dass mehrere Monate im Krankenhaus, Gespräche und Medikamente ihn wieder auf die Beine brachten, dass auf erste Gehversuche Rückschläge folgten. Nach der dritten Psychose vor zwei Jahren "hat mich meine Frau rausgeschmissen". Und weil er nach dem Verlust seiner Arbeit die Kredite nicht mehr bedienen konnte, wurde sein Haus zwangsversteigert.

Den Schülern fällt es schwer nachzuempfinden, wie fremde Stimmen oder Furcht lähmen können. Marc-Andre wagt den Vergleich mit einem bösen Traum, in dem innere Stimmen die Oberhand gewinnen und aus dem man schweißgebadet erwacht. Verständigungsversuche. Hannah möchte wissen, wie die Medikamente wirken. Arno erklärt ihr, dass "diese Hemmer" notwendig sind, "damit sich die schlafraubenden Gedanken nicht überschlagen". Frank klärt über Nebenwirkungen dieser "künstlichen Zwangsjacken" auf: den Speichelfluss wegen starrer Mundwinkel und Zungenkrämpfe. Monika liegt daran zu sagen, dass die Leibesfülle vieler psychisch Kranker nichts mit Faulheit zu tun hat, sondern mit dem durch Medikamente reduzierten Stoffwechsel und Energieverbrauch.

Zerrbilder zu demontieren - darum hat der Leipziger Verein "Irrsinnig menschlich" das Schulprojekt begründet. Selbsthilfe-Initiativen in ganz Deutschland haben das Konzept übernommen; so sprechen Mitglieder von Antistigma Düsseldorf mit den Leverkusener Schülern. Auch wenn Medien die kranke Seele immer wieder thematisieren, fühlen sich Betroffene als "nicht zurechnungsfähig" abgestempelt. Dem hält Monika trotzig entgegen: "Wir sind keine Aliens". Psychische Störungen könnten jeden treffen. Laut UN rangieren seelische Erkrankungen nach Infektionen und Unfällen mit 10,5 Prozent an dritter Stelle.

Arno vermittelt den Schülern, dass sich trotz Seelen-Krankheit ein erfülltes Leben führen lässt. Ihn stabilisiert der richtige Mix aus Antidepressiva und Neuroleptika. Inzwischen schafft er auch wieder einen 340-Euro-Job. Und die Mitarbeit beim Schulprojekt. Ihm und Frank geht es auch darum, die Schüler vor Dummheiten zu warnen; gerade unter jungen Menschen nähmen durch Drogen ausgelöste Psychosen zu. Aber auch Arno nimmt etwas aus der Diskussion mit den Schülern mit. Gerne würde er sich einmal mit seinen Töchtern über seine Krankheit austauschen. Seine Sorge, ob er einen Draht zu seinen 18 und 21 Jahre alten Kindern bekommt, hat die Schülerrunde etwas zerstreut.

Von KNA-Redakteur Andreas Otto

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